Westerngrund: Pflegeheim vor dem Aus?
Main-Echo Pressespiegel

Westerngrund: Pflegeheim vor dem Aus?

Gesellschaft: Sozialversicherungsträger hat Insolvenzantrag gestellt - Insolvenzverwalter hofft auf Fortbestand
Westerngrund  »Es geht um Men­schen, nicht um Ma­schi­nen«, sagt Lothar Sta­ab spür­bar be­trof­fen. Der Aschaf­fen­bur­ger Fach­an­walt für In­sol­venz­recht kämpft seit drei Wo­chen ums Über­le­ben des Al­tenpf­le­ge­heims Ma­ri­en­hof in Wes­tern­grund. Ein So­zial­ver­si­che­rungs­trä­ger ha­be als Gläu­bi­ger In­sol­venz­an­trag ge­gen das Heim ge­s­tellt. Er sei zum In­sol­venz­ver­wal­ter be­s­tellt wor­den. Es geht um das Schick­sal 19 pf­le­ge­be­dürf­ti­ger Men­schen und um das der 21 Mit­ar­bei­ter des Heims. Das Heim wird pri­vat von Dor­le En­gel ge­führt.

Findet sich keine Einrichtung, die den Betrieb ab 1. Januar nahtlos weiterführt, müssen die Bewohner bis zum 15. Januar ausziehen. Solange, erklärt der Jurist, zahle die Agentur für Arbeit das sogenannte Insolvenzausfallgeld. Aber es gebe einen »Notfallplan«. Alle Bewohner fänden ab 15. Januar Aufnahme in Heimen in der Region, einige seien bereits ausgezogen. Staab: »Niemand muss befürchten, auf der Straße zu sitzen.«

Ungeachtet dessen ist Staab sehr optimistisch, dass der Marienhof gerettet werden kann. Es gebe, sagt Staab, zwei Übernahme-Interessenten, die auch bereit seien, Auflagen des Aschaffenburger Landratsamtes zu erfüllen. Dabei gehe es um Sanierungsarbeiten etwa in den Bädern oder um neue Türgriffe. Die Kosten für die Sanierung siedelt Staab im niederen sechsstelligen Bereich an. Nicht zwingend muss sie der neue Betreiber übernehmen. Die Gemeinde Westerngrund ist laut Karl-Heinz Maier, dem zweiten Bürgermeister, Eigentümer und zugleich Vermieter des Gebäudes. Über eine Beteiligung an den oder gar eine komplette Übernahme der Umbaukosten durch die Gemeinde, entscheidet laut Maier der Gemeinderat.

Eine entscheidenderes Problem als die notwendige Sanierung stellt für Lothar Staab die Ausführungsverordnung zum bayerischen Pflege- und Wohnqualitätsgesetz dar, nach der 75 Prozent der Pflegeplätze eines Heims Einzelzimmer sein müssen. Das sei in Westerngrund nicht der Fall.

Der Marienhof, meint Staab, müsste für rund ein Jahr geschlossen und umgebaut werden. Aus den gegenwärtig 19 Betten müssten dann 14 werden. Aber dies laut Staab nur dann, wenn die Einrichtung geschlossen werden sollte. In diesem Moment entfalte das Gesetz seine Wirkung. Würde das Haus jedoch ohne Unterbrechung fortbestehen und von einem neuen Betreiber weitergeführt, genieße es Bestandsschutz.

Allerdings nicht für alle Ewigkeit. Für wie lange, das entscheide das Landratsamt. Wenn die Behörde den Übernahme-Interessenten nicht mindestens fünf Jahre Bestandsschutz und damit Aufschub für den Umbau bewillige, sprängen diese vermutlich ab, ist Lothar Staab überzeugt. Und das wäre dann das Ende. Eine diesbezügliche Entscheidung ist laut Staab in den nächsten Tagen zu erwarten.

Der Rechtsanwalt setzt auf das zuständige Amt für Soziales und Senioren im Landratsamt. Sowohl die Kooperationsbereitschaft als auch das Engagement für das Fortbestehen des Marienhofes seien enorm, lobt Staab. Wie auch das der Pflegekräfte. Bei einer Betriebsversammlung am Mittwoch habe der weitaus größte und wichtigste Teil der Mitarbeiter versichert, auch in Zukunft für die Einrichtung weiterzuarbeiten. In Zeiten extremen Pflegekräftemangels sei das für einen neuen Betreiber auch ein wichtiges Signal, sagt Lothar Staab. Unbedeutend sei für den neuen Mieter indes die Belegung des Heims zum 15. Januar. »Die Warteliste ist lang«, weiß Staab. Freie Betten könnten gleichsam über Nacht neu belegt werden.

Auch die Gemeinde Westerngrund sowie die Verwaltungsgemeinschaft Schöllkrippen, zu der Westerngrund gehört, haben laut Karl-Heinz »großes Interesse daran«, dass das Heim fortbesteht. Es ist das einzige in Westerngrund. Es besteht seit 20 Jahren. Die jetzige Betreiberin führt es seit 2006. Dorle Engel bedauert die Entwicklung. Das ganze sei sehr traurig, sagt sie. »Es tut mir leid für die Bewohner und für die Mitarbeiter«.

Hintergrund: Pflegesituation in der Region

Die Pflegesituation in Deutschland ist laut fortlaufenden Medienberichten angespannt. Es fehlen nicht nur Pflegekräfte, sondern auch Pflegeplätze. Auch die vom Aschaffenburger Landratsamt eingerichtete Online-Pflegeplatzbörse spiegelt die angespannte Situation. 22 Pflegeeinrichtungen in Stadt und Landkreis Aschaffenburg sind dort aufgelistet. Nur vier Einrichtungen melden freie Plätze. Insgesamt gibt es gegenwärtig vier freie Plätze für dauerhafte Pflege und vier weitere Plätze für Kurzzeitpflege. joff

06.12.2019
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